Amstel Gold Race Toerversie 65 km – Zwischen Euphorie, Wahnsinn und dem Cauberg

Freitagmittag, 12:30 Uhr, Feierabend – und im Kopf schon mitten im Rennen. Die Aufregung war definitiv da, aber gleichzeitig auch dieses Gefühl: Jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Also ab ins Auto und Richtung Valkenburg. Die Fahrt verlief überraschend entspannt, keine Staus, keine Zwischenfälle – fast schon untypisch, wenn man bedenkt, dass halb Radsport-Europa scheinbar das gleiche Ziel hatte. Im Hotel angekommen, wartete dann ein Zimmer, das vermutlich selbst Harry Potter als „gemütlich“ bezeichnet hätte. Klein, wirklich klein – aber sauber und absolut ausreichend für eine Nacht. Mehr braucht man ja auch nicht, wenn man weiß, was am nächsten Tag ansteht.

Die Startnummer habe ich mir im Shimano Experience Center abgeholt, ein kurzer Spaziergang von vielleicht zehn Minuten. Unterwegs noch schnell beim ALDI rein, ein paar Snacks organisiert – man weiß ja nie, wann einen nachts plötzlich der Hunger überfällt. Am Abend dann Treffen mit den Teamkollegen im Valkenhof. Gutes Essen, entspannte Gespräche und diese besondere Stimmung, die nur entsteht, wenn tausende Gleichgesinnte in einer Stadt sind und alle auf dasselbe Event hinfiebern. Einziger kleiner „Gegner“ des Abends war der Terrassenstrahler direkt über uns, der uns gefühlt langsam durchgegart hat. Aber selbst das konnte die Laune nicht trüben. Die Stadt war voll, lebendig, überall Fahrräder, überall Vorfreude. Später im Hotel bin ich dann erstaunlich schnell eingeschlafen – trotz der unterschwelligen Nervosität, die definitiv da war.

So schön ein Event auch ist, so wurde es doch überschattet von einem Diebstahl eines Rennrads unseres Teamkollegen.

Am nächsten Morgen ging es früh los. Ich bin aufgewacht, fühlte mich fit, aber hatte absolut keinen Hunger. Das gebuchte Frühstück habe ich einfach ausgelassen – vermutlich nicht die cleverste Entscheidung, aber in dem Moment fühlte es sich richtig an. Also rein in die Teamklamotten, Gepäck verstauen und ab zum VIP-Parkplatz. Dort angekommen, das Rad startklar gemacht und – völlig übertrieben, aber irgendwie auch geil – direkt zwei 360°-Kameras montiert. Content muss schließlich sein. Auf dem Weg zum Start ging es dann direkt den Cauberg runter, und schon da war mir klar: Das wird später noch richtig unangenehm.

Der Start selbst war überraschend entspannt. Kein Gedränge, kein Chaos, einfach ein lockeres Losfahren. Genau das Gegenteil von dem, was ich mir vorher ausgemalt hatte. Die ersten Meter liefen gut, wir haben noch zusammen gewitzelt, und dann kam auch schon die erste Steigung. Langsam, kontrolliert und mit Geräuschen, die definitiv nicht von mir kamen, habe ich mich da hochgearbeitet. Kurz darauf waren meine Teamkollegen allerdings auch schon am Horizont verschwunden. Einfach weg. Aber der Radsport wäre nicht der Radsport, wenn nicht auch mal etwas Unerwartetes passieren würde. Ein paar Kilometer später kamen sie mir tatsächlich wieder entgegen – sie hatten sich verfahren. Für einen kurzen, wirklich sehr kurzen Moment war ich also in Führung. Das musste ich natürlich innerlich feiern, auch wenn mir klar war, dass dieser Zustand nicht lange anhalten würde.

Die Strecke selbst war einfach beeindruckend. Weite Landschaften, diese typischen niederländischen Häuser, perfekte Straßen – es war wirklich ein Erlebnis. Technisch lief bei mir diesmal alles rund, kein Platten, keine Probleme, die Sattelstütze blieb da, wo sie hingehört, und auch die Bremsen funktionierten tadellos. Körperlich sah es da irgendwann etwas anders aus, vor allem bei den Steigungen. Die sind einfach nicht mein Ding, weder beim Laufen noch auf dem Rad. Vielleicht kommt das noch, aber an diesem Tag war es eher ein Kampf als ein Genuss.

An der ersten Verpflegungsstation stand ich dann vor einem ganz anderen Problem. Ich brauchte dringend Wasser und etwas zu essen, hatte aber kein Schloss dabei und gleich zwei Kameras am Rad. Das Ganze bei tausenden Teilnehmern. Ich habe kurz überlegt, dann aber entschieden: Risiko eingehen. Schnell rein, zwei Waffeln – danke an Lidl – und eine Mandarine geschnappt, Flasche aufgefüllt und zurück zum Rad. Alles noch da. In dem Moment war ich einfach nur erleichtert. Dass diese Sorge absolut berechtigt war, sollte ich später noch erfahren.

Als die Strecken irgendwann wieder zusammengeführt wurden, war mir klar, dass meine Teamkollegen mich bald einholen würden. Bei etwa Kilometer 60, meine Kräfte waren zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich am Ende, hörte ich plötzlich dieses typische Freilaufgeräusch neben mir. Olli. Sein Kommentar ließ nicht lange auf sich warten: „Entweder hast du dich verfahren oder ich.“ Ich konnte ihm nur sagen, dass ich einfach komplett leer war. Dann kam die Nachricht, die mir kurz den Stecker gezogen hat: Ein Fahrrad wurde an einer Verpflegungsstation gestohlen. Wert: rund 8.500 Euro. Das war kein kleiner Einzelfall mehr, das war einfach nur heftig.

Die nächsten Steigungen wurden dann zu einem mentalen Ausnahmezustand. Während man sich da hochquält, gehen einem wirklich die absurdesten Gedanken durch den Kopf. Warum gibt es in Holland überhaupt Berge? Wer hat behauptet, hier sei alles flach? Warum fahren andere da scheinbar locker hoch, während man selbst kurz vorm Explodieren ist? Und warum zum Teufel denkt man in so einem Moment über Schmetterlinge im Bauch nach? Dreiviertel der Steigung habe ich noch geschafft, dann kamen erste Krämpfe. Kein Drama, aber ein klares Signal, es nicht komplett zu übertreiben. Das letzte Stück bin ich dann gegangen und habe mein Rad geschoben.

Oben angekommen folgte die Belohnung: ein flaches Stück, danach eine längere Abfahrt. Geschwindigkeit, Fahrtwind, einfach nur genießen. Und dann kam er. Der Cauberg. Mir war sofort klar, dass ich da nicht mehr hochfahren würde. Die Kurve davor nahm mir auch noch den letzten Schwung, und so blieb nur noch eine Option: schieben. Ich war damit definitiv nicht allein. Einige sind gestürzt, weil sie nicht rechtzeitig aus den Pedalen kamen, andere haben ebenfalls geschoben, und dann gab es noch diese paar Unfassbaren, die da locker hochgeradelt sind, als wäre es nichts.

Oben angekommen war der Rest fast schon ein Selbstläufer. Leicht bergab, Richtung Ziel, die letzten Kräfte mobilisieren. Im Ziel dann die Medaille abgeholt – ein richtig gutes Gefühl. Olli kam etwas später, weil er es geschafft hat, durch den falschen Zielbogen zu fahren. Ergebnis: eine extra Runde und der Cauberg nochmal. Auch eine Art Training, würde ich sagen. Im VIP-Zelt haben wir uns dann wiedergetroffen und das Pasta-Buffet und die Getränke wirklich genossen. Das war nach der Nummer auch absolut verdient.

Thomas ließ allerdings auf sich warten. Der kleine Cut im Reifen vom Morgen hatte sich als Zeitbombe entpuppt. Der Mantel ist geplatzt, er musste zu Fuß in ein Nachbardorf laufen, sich Ersatz besorgen, alles selbst montieren und dann weiterfahren. Dazu kam noch ein Stau auf der Strecke, sodass er am Ende rund zwei Stunden später im Ziel ankam. Aber am Ende zählt nur eines: Alle sind gesund angekommen und hatten trotz allem ihren Spaß.

Die Heimfahrt am Abend war dann unspektakulär. Zwei Stunden später war ich wieder zuhause und bin direkt auf der Couch eingeschlafen. Rückblickend war es ein unglaubliches Erlebnis – mit Höhen, Tiefen, Schweiß, ein bisschen Wahnsinn und einer ordentlichen Portion Realität. Eine Wiederholung? Auf jeden Fall. Aber beim nächsten Mal ganz sicher mit einem ordentlichen Schloss oder jemandem, der auf das Bike aufpasst.

Gestohlen am 18.04.2026 beim Amstel Gold Race
Tags :
Rennrad
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